| Vorwort
Gerade noch vernimmt man das verdächtige Klicken des Radioweckers.
Doch da ist es schon zu spät. Notorisch gutgelaunte Moderatoren kündigen
den nächsten Song an. Obwohl sich das Gehirn noch im Halbschlaf befindet,
fragt man sich, ob sie das Band von gestern wieder aufgelegt haben.
Die Situation, die so klingt wie eine Szene aus dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“,
zeigt die harte Realität in der heutigen, durchformatierten Radiolandschaft.
Doch was ist Formatradio?
Es gibt zahlreiche mehr oder weniger treffende Beschreibungen, die die Intentionen
des Formatradios wiedergeben. Die wohl umfassendste Definition stammt von Prof. Dr. Klaus
Goldhammer, Inhaber des Medienunternehmens GoldMedia:
„Ein Formatradioprogramm verfolgt das Ziel, im Hörfunkmarkt auf der Grundlage von
Marktforschungsinformationen und einer daraus entwickelten Marketingstrategie ein
unverwechselbares Radioprogramm als Markenprodukt zu etablieren, das genau auf die
Bedürfnisse einer klar definierten Zielgruppe abgestimmt ist.“ [1]
Das Radioprogramm wird zum Produkt. Musikauswahl, Moderatoren, Sound, Informationen,
Nachrichten und Gewinnspiele sollen ein homogenes, durchhörbares, wiedererkennbares Gesamtbild ergeben.
Formatradio schmeckt wie eine Tütensuppe: „immer gleich“
Doch genau in diesem Produktansatz liegt das Problem. Man stelle sich vor, man
kauft sich eine Tütensuppe, die auf dem Markt neu eingeführt wurde. Am Anfang schmeckt
sie hervorragend. Sofort geht man in den Supermarkt und kauft sich weitere Packungen.
Doch spätestens nach dem Essen der dritten, vierten Suppe stellt man fest, dass da eine
gewisse Würze fehlt.
Es gibt anschließend zwei Möglichkeiten: Man besorgt sich entweder eine andere Tütensuppe
oder versucht die „Lieblingssuppe“ mit diversen Zutaten zu verfeinern. Beide Strategien sind
zum Scheitern verurteilt. Die andere Tütensuppe offenbart nach dem zweiten Mal Essen auch keine
Überraschung mehr, und selbst nach dem Verfeinern der Suppe schmeckt man lediglich die aufdringlichen
Essenzen des Produkts durch. Natürlich ist es nicht möglich, ein Radioprogramm so zu verfeinern wie
eine Suppe. Aber immerhin ist der Hörerwunsch nach wie vor des Senders liebstes Kind. Doch was hier
von Seiten des Senders getan wird, um sein homogenes, wiedererkennbares Produkt zu schützen, ist
frustrierend: Wählt der Hörer eine Geschmacksrichtung, die nicht auf dem Rezept des Senders steht,
so wird ihm aus dem bunten Sammelsurium der üblichen Verdächtigen ein Titel vorgeschlagen. So zum
Beispiel geschehen 2004 in SWR3-Land: Über meinen Wunschtitel „Hungerstrike“ von „Temple of the Dog“
ging der Moderator glatt hinweg und bot stattdessen „Joyride“ von „Roxette“ an, ohne sich auch nur
die Mühe zu machen, zu begründen, warum er meinen Wunsch ausschlug. Hartnäckige Versuche, den Moderator
mit einer Liste musikalischer Perlen aus 60 Jahren Musikgeschichte zum Spielen eines anderen Songs zu
bewegen, verpuffen wirkungslos, und unbarmherzig trällerte anschließend „Roxette“ von ihrer Vergnügungsfahrt,
die wirklich nun keine Freude mehr bereitet.
Wir bezahlen doch fürs Einschalten
Ein gutes Radioprogramm kostet viel Geld. Ein privater Sender benötigt, je nach Struktur und Größe,
2-3 Jahre, bis er „Schwarze Zahlen“ schreiben kann. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern steht aber
die Finanzierung hauptsächlich auf der Säule der Gebühreneinnahmen: „Die Leistungen des öffentlich-rechtlichen
Rundfunks werden in Deutschland zu circa 90 Prozent aus Rundfunkgebühren finanziert.“[3]. Der
Rundfunkgebührenstaatsvertrag bildet die rechtliche Grundlage des Gebühreneinzugs. Die
Anstalten verpflichten sich im Gegenzug, unabhängig von Politik und Wirtschaft ein vielfältiges und umfassendes
Programm anzubieten. Da die Sendeanstalten bereits über Archive verfügen, müssen sie keine hohen Investitionen
tätigen, um ein abwechslungsreiches Musikprogramm bieten zu können. Der SWR hat z.B. einen Bestand von 40
Jahren Musik am Stück. Was wir aber vom öffentlich-rechtlichen Radio seit Jahren täglich zu hören bekommen,
ist nur ein Bruchteil seiner Möglichkeiten und widerspricht den im Rundfunkgebührenstaatsvertrag verankerten
Grundsätzen. Im Zuge der Etablierung des Formatradios wird das elementare Recht des Hörers auf ein abwechslungsreiches
Kultur-Programm ausgehöhlt. Was bleibt, sind nette Formulierungen auf den Webseiten der Sender: „… Der SWR garantiert
dadurch sein außergewöhnlich gutes Programm, und die Hörer und Zuschauer können sich darauf verlassen, dass sie auch
in Zukunft mit einem vielfältigen, unabhängigen und hochwertigen Radio- und Fernsehangebot versorgt werden. …"[2].
Sicherlich ist es von Seiten der Radiomacher nicht möglich, es jedem Hörer recht zu machen. Auch kann der subjektive
Eindruck täuschen. Bis heute gibt es leider kein allgemeines Bewertungssystem, das beschreibt, wie abwechslungsreich die
Musikauswahl ist. Jeder spürt die Veränderung in der Radiolandschaft: Gewinnspiele, Jingles, die gebetsmühlenartig vom
„Besten aus Pop und Rock“ predigen, notorisch gutgelaunte Moderatoren, phantasielose Musikauswahl … Um den alltäglichen
Wiederholungswahn im öffentlich-rechtlichen Rundfunk besser veranschaulichen zu können, wollte ich das Thema Formatradio
auf eine andere Art und Weise - anhand von Zahlen und Fakten - aufarbeiten. Anhand der Online-Musikrecherche eines
öffentlich-rechtlichen Senders und mit Hilfe einer selbstprogrammierten Software konnte ich die Playliste des Tagesprogramms von 2007 bis April 2010
erfassen und unterschiedliche Statistiken zur Bewertung der Musikauswahl erstellen. Ich habe diese Statistiken
hier veröffentlicht und möchte die Hörer für das Thema des medienkulturellen Kahlschlags
mittels Formatradio sensibilisieren. Schließlich bezahlen wir alle Radiogebühren und haben ein Recht auf ein abwechslungsreiches,
informatives und innovatives Radioprogramm.
[1] „Formatradio in Deutschland“ von Prof. Dr. Klaus Goldhammer erschienen 1995 im Wissenschaftsverlag Volker Spiess GmbH, Berlin. ISBN 3-89166-076-6
[2] http://www.swr.de/unternehmen/auftrag/-/id=3536/nid=3536/did=219180/mpdid=285046/1oxw1yq/index.html
[3] http://www1.ndr.de/unternehmen/organisation/gebuehren/kurz_zusammengefasst/index.html
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